Montag, 26. November 2018

Coaching. Heititeiti oder den zeit- und geldmäßigen Aufwand wert?

Mich beschäftigt seit einiger Zeit, es mögen Jahre sein, die Interpretationen des Positiven. Es ist bald zum Diktat geworden, alles und jedes per Einstellung (Mindset) positiv sehen zu sollen, um nicht gleich 'müssen' zu notieren.

Wenn ich irgendwo im Urlaub ohne große Gedanken mich erholen kann, ja, da kann ich getrost den ganzen Tage ein Lächeln im Gesicht haben und unbesorgt sein.

Meine persönliche Sicht auf die Sache ist jedoch, dass kein Mensch es schafft, in allen Lebenslagen "positiv" eingestellt zu sein. Vermutlich kehren jetzt schon Leserinnen und Leser ab, zu verlockend, jemandem zu folgen, der doch alles in warmen Farben anmalt. Bitte.

Ich streite auch nicht ab, dass man sich nach etwas Besinnung seinem Weg zuwenden kann und das positiv. Man kann seine Angst, Beklemmungen, Blockaden, Sorgen, Schmerzen, etc. vermutlich viel leichter anpacken, wenn positiv. Doch erst sind es einmal menschliche Verhinderungen, schmerzlich und befürchtet. von Scham, Versagen, Scheitern, Verlieren, Trennen, Absagen, etc. etc. etc.

Und mir zu sagen, an schlechten Tagen könne man wenigstens davon lernen, ... ich habe echt keine Ahnung, wozu man es auf diese schier aussichtslose Spitze treiben muss. Liest sich schon wie latenter Psychoterror.

Viel mehr plädiere ich dafür, die schweren Seiten des Alltags und des Lebens zu integrieren. Sie annehmen, betrachten, klären, einordnen und dann sehr gerne, positive Weg und Lösungen finden, wie man mit seiner Situation umgeht. Es hat nicht nur positive Anteile und das Schwere, es ist nicht der Teufel und es ist noch lange nicht das Negative. Es ist vielmehr jener Anteil, der dem Positiven ein Profil und eine andere Empfindung verschafft, weil es eben auch den Schmerz als sein Gegenteil gibt.

Ich plädiere nun nicht fürs Negative. Aber worauf ich hinweisen möchte: Coaching ist viel mehr, als wenn es bloß für ein 'Tünchen ins Erträgliche und Positive' bleibt. Das wäre Heititeiti und das Geld wie die Zeit nicht wert. Ich könnte provozieren und der Sache bisweilen 'Verblendung' unterstellen. Hierzu gibt es keinen Anlass, doch zu Ende gedacht, könnte "Coaching" zum Zauber werden - und das haben Menschen als Klientinnen und Klienten nicht verdient. Auch keine in Unternehmen. Es ist von ganz und gar keiner Würde, alleine dem Umstand des Wohlfühlens verschrieben, eine sachliche Klärung und Entwicklung zu übergehen. Wir sind hier nicht in einer "Show".


Bild (c) Jona Jakob - Raum für Gespräche 


Ich plädiere dafür, die ernsthafte, engagierte und teils belastende Arbeit sichtbar zu machen, ob als Selbstarbeit (bei den Klienten) oder als Begleitarbeit (seitens der Coaches).


Coaching ist für einem da, ...
wenn es Angst macht, Beklemmungen einem beschleichen, Scham- und Hemmungen sich zeigen.


Coaching ist für einem da, ...
wenn es hart wird, aggressiv, machtbesessen, fintenreich und verschlagen. Wenn Teams, Leitungen, Partner, Verträge, Konstellationen, Vorgänge, Verfahren etc. erkannt und abgewogen werden müssen, vom zu tragenden Risiko bis hin zur Verantwortung, begleitet von Diskretion und Alleinsein.


Coaching ist für einem da, ...
wenn es schmerzlich ist. Die Liebe ist gebrochen, die Arbeitsstelle wurde gekündigt, man wurde abgelehnt, der Mietvertrag ist wieder nicht eingegangen. Verluste, Scheitern, Versagen, Verlieren ... man möchte es nicht wissen - aber Coaching ist gerade dann da, um im Handeln und Lösen bleiben zu können, nochmals und nochmals neue Kraft in sich findend, weiterzumachen.


Coaching ist für einem da, ...
wenn die Traurigkeit einem zu Boden schlägt und man angezählt ist. Tod, Krankheit, Verlust, Wegzug, und Liebe, Liebe, Liebe. Oder auch: Einsamkeit, Alleinsein, Krankheit, Handicap, Unangenommensein, Schwäche. Es gibt so viele Schicksalswendungen, auf die man nicht vorbereitet ist, und dann sitzt man da und weint.


Coaching ist für einem da, ...
wenn man selber nicht weiter weiß. Verzweiflung, Stress, Überforderung, Dussligkeit, Aggression ... Man fühlt nur noch die eigene Ohnmacht, die Hilflosigkeit, man verliert die Übersicht, ist zu sehr gefordert und könnte am liebsten mit Dingen um sich schmeißen. Wut.


Coaching ist für einem da, ...
wenn man sein Korsett von Erziehung, Rollenverhalten, Auferlegtem, Erwartungen, Eltern, Dorf, Gesellschaft, Stand, Arbeit, Position, Verein, etc. nicht mehr abzustreifen mag und nur noch für andere lebt, ohne noch zu wissen, was davon wirklich die eigenen Anteile wären, das Lebenswerte.


Coaching ist für einem da, ...
wenn Brüche und Wendungen das Leben einen kleinen Tod sterben lassen um es einem gleichzeitig in eine neue Lebensphase 'gebiert'. Man wird in etwas neues 'geworfen', eine neue Arbeit, eine neue Beziehung, an einen neuen Ort. Wie gestaltet man sich? Wie wird man angenommen? Wie wird man, wer man darin gerne sein möchte?


Coaching ist für einem da, ...
wenn es Konsequenzen hat. Fehlentscheidungen, Verpasstes, Wichtiges, Vertragliches, Vereinbarendes, Zukünftiges, Entscheidendes. Man darf nun möglichst keinen Fehler machen. Der Verlust ist zu verhindern, der Gewinn ist einzutüten. Die Jahre und Lebenszeit sind nicht zu verschwenden.

Coaching ist für einem da, das Schwere gangbar, leichter, möglich zu machen.
Jona Jakob, 2018


Und jetzt wird es sichtbar, die mir wichtige 'Zweiteiligkeit' in der Sache:

Coaching ist für einem da, das Schwere gangbar, leichter, möglich zu machen. Das hat etwas Positives und ist die Zeit und die Ausgaben wert. Aber niemand sagt dabei, es wäre leicht, schmerzfrei, nicht beladen oder ohne tiefe Ernsthaftigkeit, von Dauer und daher von hohem Wert.


Der Wert von Coaching ist, wenn er an die richtige Stelle fällt, schier unbezahlbar - schlicht: Enorm viel wert. Dazu braucht es Klientel, welches sich sich selber stellen mag, und es braucht Coaches, die dieser Bereitschaft von Klienten - bei all den Tricks und möglicher Schönfärberei - doch ernsthaft mit gebührender Würde begegnen: Wir sind nicht gleich im 'Positiven'.


Zu klären ist auch: Weil es gefühlt unangenehm ist, sind wir niemals gleich im 'Negativen'. Im Negativen sind wir, wenn wir aufgeben - aber: Aufgeben wäre das Gegenteil von Coaching, auch wenn wir noch so ängstigen, trauern, leiden oder uns nicht für fähig halten, während wir es neu und immer wieder versuchen, es doch zu schaffen. Coaching ist daher weiter einfach dazu 'da' - eine recht positive Haltung, meine ich.


"Dem Traum folgen. Und nochmals dem Traum folgen. Und so bis zum Ende."
Joseph Conard im Buch 'Lord Jim'



Herzlich

Jona Jakob, Aschaffenburg
raumfuergespraeche.de
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