Freitag, 9. August 2019

Der Anteil Ja im Nein

Das Nein als Verbot


Ob elterlich, durch Lehrer und Erzieherinnen, Nonnenschwestern, Kirchenobrige, militärisch Vorgesetzte oder Polizisten u.a.m. ... ein "Nein" verbinden wir erwachsenen Menschen schier Zeit unseres Leben lang mit "Mässigung / Stopp / Halt / Verbot / Schuld / Strafe / Pein". Ein Nein erzeugt in den allermeisten Fällen eine persönlich genommene Betroffenheit, das Gefühl, ertappt worden zu sein, Anflüge von Peinlichkeit begleiten einem und Erklärungsnöte bzw. Rechtfertigungen.

Das krasse am Nein: Es lässt keinen Spielraum. Nein ist unmittelbar, jetzt, sofort. Als würde man bei hohem Tempo auf Null gestoppt. Nach Maslow könnte man sagen:

... ein Nein entreißt einem der Selbstverwirklichung
... ein Nein aberkennt den Status
... ein Nein lehnt einen ab / nimmt wen nicht an
... ein Nein destabilisiert zuvor gewonnene Sicherheit
... ein Nein kann das Grundbedürftige in Frage stellen oder es einem verwehren

"... ohne Wasser und Brot ..." - würde es dann lauten. Ein Elend.

Als Mensch, der als Coach tätig ist, erlebe ich dabei nicht zu selten ein Dilemma:

Es ist noch keine wirkliche Schwierigkeit, als "Coach" mich nur als solcher zu verstehen, wenn mit mir ein Auftrag vereinbart wurde und ein vereinbarter Termin besteht. Manchmal muss ich mich mit diesem Argument wehren, wenn wer meint, mich meines Coach-Daseins ermahnen und einfordern zu wollen: Dann kommt von mir die Antwort: Mach mal Halt, ich bin Coach, wenn ich hierfür beauftragt wurde. Alles andere wäre unsauber. Mich hier nun als Coach einzufordern (vielleicht in einem Konflikt), ist nicht nur eine Fehlinterpretation, es ist auch eine strategische Option." Damit bin ich raus aus dem "miesen Trick".


Wer aber bin ich für andere, wenn ich als Coach eben nicht Coach bin?


Ich würde heute hier schreiben: Ich bin für andere dennoch bestimm eine Person, von der man "Dinge" erwartet, wie z.B. Besonnenheit, Fähigkeit der Annahme, des Zuhörens, zum Menschsein. Da könnte ich nun viel aufzählen, was Ihnen ebenso in den Sinn kommt.

Business oder Privat?


Auch diese Unterscheidung kann ich - auf die Coachees bezogen - kaum trennen. Bisher kamen sozusagen 100% Berufsleute, die als Arbeitende in ihrer Situation steckten. Ob diese dann geschäftlich oder menschlich mäanderte, lässt sich mE nicht wirklich trennen.

So lässt sich umgekehrt sagen: Wann immer ich den Menschen "treffe", ob mit einer Frage, einem Impuls oder als Privatmann mit einem "Nein, lass das", berühre ich Mensch und Form, Mensch und Rolle, Mensch und Identität.

  • Zum "Stopp / Nein / Hör auf damit", zum Imperativ in der Stimme und Wortwahl kommt meine Haltung in einer Sache hervor. 
  • Im Nein steckt viel Selbst: Selbstwertschätzung, Selbsterhalt, Selbstschutz, mein eigenes OK-Sein, etc. 
  • Im Nein, welches sich nicht erklärt, bin und bleibe ich ok - umfänglich. 
  • Im Nein bin auch ich plötzlich Part des Prozesses, z.B. der Kundenbeziehung.


Nicht zu selten erlebe ich dann erwachsene Menschen brüskiert. Sie sind betroffen oder fallen schier vom Pferd, dass sich jemand erlaubt, sein Nein zu platzieren. Man will kein Nein erleben. Als wäre es ein Privileg, eine irgendwie ausgemachte Freiheit, als Obrigkeit, als Person oder Erwachsener, Doktor, Chef oder Vorgesetzter kein Nein mehr erfahren zu müssen. Als wäre man raus aus der Sache ... wie so eine schmerzfreie, fette Komfortzone, im Selbst definiert und fern jeder Rücksicht, auf die andere in ihrem Ok-Sein, die auch ein Recht hätten und haben.




Mein Anteil Ja in meinem Nein


Was auch immer mich berief, Coach zu werden, dieses Format von Mensch- und Mitmensch sein, diese jahrelange Arbeit am Selbst, der fortwährende Zweifel und die verbleibende Restblindheit in der Selbstbetrachtung und -beurteilung, es hat mich Leben gelernt:

a) Leben, was all jene Anteile beinhaltet, die mein Dasein ausmachen und bilden, und dass ich diese auch zu schützen, zu pflegen, zu bewahren und zu lieben weiß;

und

b) Leben, was all jene Anteile beinhaltet, die dein Dasein ausmachen, in seinem Gedeihen, Ok-Sein und Geliebtwerden.

Und soweit man mich kennt ... soweit mich jemand über die Jahre erleben und erfahren konnte, sind meine Nein kaum auf einer Aberkennung basierend, sondern vielmehr auf einem Ja zu Dir. Gerade die barschen, konsequenten Nein, sind vielleicht die zugewandtesten. Und auch die klaren Neins, die überhaupt geäußerten und vermittelten Neins, sind Zusprüche, man sollte die Komfortzone der Schwäche verlassen und sich um das Bemühen, was am zugesprochenen Guten an und in einem ist. Man möge sich vielleicht bemühen ... - noch immer bin ich jetzt nicht Coach, sondern die als Coach lebende Persönlichkeit, die keinen Auftrag hat, dir aber begegnet. Mein Nein ist nicht zu selten ein Erhalten, ein Wiederherstellen von Richtigkeit, ein Wecken und Hinweisen auf vielleicht jenen blinden Flecken, den auch Du und Du und Du auf dich selber nicht sehen kannst. 

Zuletzt wird es wohl eine Frage meiner Verantwortung, ob ich dich darauf hinweise, mit etwas aufzuhören, es zu lassen, es mit mir nicht zu machen. Es konfrontiert, es ist unliebsam, es vermittelt das Gefühl, abgelehnt oder zurückgestoßen zu werden. Doch mein "Nein" soll klären oder regeln - wenn man sein Werden dem Prozess gerecht selber verantwortet und versteht - dass ein eingehendes "Nein" etwas ist, was a) (ich) bzw. der andere nicht möchte und b) was ich/Du/er/sie/es aus guten Gründen lassen könnte.

Wenn ich also aus einer ersten Phase des meist kindlich bedingten Erschrockenseins heraus bin, bleibt der werdende Mensch (Individuation), der das Nein zu sehen vermag ... und was inhärent dem Rigel für ein meist fürsorglicher Nutzen inne ist.

Es gibt, so meine Meinung, ein Ja im Nein. Sonst habe ich keinen Anlass, Ihnen ein Nein auszusprechen.

Durchaus.

Mit herzlichen Grüßen
Jona Jakob


Nachtrag:
Als ich mit 20 Jahren Mitarbeiter im Inselspital Bern war, einem vorbildlichen Arbeitsgeber, sagte meine damals ältere, badensische Vorgesetzte zu mir: "Herr Jakob, Sie müsse schon Fortbildungen anmelde. Es kann sei, dass i donn Nei sog. Aber nochm dritten Mal Nei muss i dann au wieder mal Ja sage." :-) ... ich höre sie heute noch.

Nachtrag 2: 
Wenn mich jemand fragen würde, welche Momente im Leben haben dich nach vorne gebracht, dann würde ich eindeutig sagen: "All jene Male, in denen mir jemand sei Nein deutlich machte und konsequent bliebt, so dass ich danach auf den Knien ging. Es war für mich meist fürchterlich, aber es formte mich dahin, wo ich ob des Nein doch meinen Weg fand."

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